Verfasst von: Joachim Sucker | 10. Dezember 2018

Dritte Orte – neues Blut für die kommunale Bildung

Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Weiterbildung“. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber, die Ausgabe 1/2019 erscheint am 6.2.19.


Auf den ersten Blick scheint es absurd, in der heutigen Zeit über Lernräume zu schreiben. In Zeiten virtueller Räume gerät der physische Lernort oft ins Hintertreffen, weil die virtuellen Räume gerade erst entdeckt werden. Die schrittweise Aufhebung der Konkurrenz zwischen virtuellen und physischen Räumen ist aber nicht zufällig. Es ist die logische Weiterentwicklung „zeitgemäßer Bildung“.

Lernräume – wir alle haben sie erlebt! Klassenräume und Hörsäale sind Funktionsräume. Seelenlos und phantasielos schmieden sie eine Einheit mit standardisierten Lernkonzepten. Der häusliche Lernraum ist lediglich als Ergänzung dieser Konzepte zu sehen. Dabei ist die Bedeutung von Lernräumen seit langem bekannt. Ein schönes Video aus dem Jahre 2010 beschreibt den Raum als dritten Pädagogen. (Reinhard Kahl, Archiv der Zukunft) 

Diese Lernräume sind unmittelbar an die Bildungsinstitutionen geknüpft. Lehrkräfte und Lernräume sind Bedingungen, um als Lerneinrichtung arbeiten zu können. Vorschule, Schule, Hochschulen, Volkshochschulen und Unternehmen der beruflichen Bildung, sie alle arbeiten nach diesem Prinzip. Es ist schon erstaunlich, wie sich die Weiterbildung an Häuser und Räume klammert. Vieles im „digitalem Klimawandel“ (Martin Lindner) scheint verschwommen und bedrohlich.

Die Digitalisierung hat diese Lernräume explosionsartig und geradezu chaotisch erweitert. Das gesamte Internet ist zu einem Wissensraum geworden. Dort steht der Lerncontent bereit. Er ist zunehmend mobil nutzbar und zu jeder Zeit an fast jedem Ort. Wer nach Tutorials bei YouTube sucht, erhält über 75 Millionen Treffer. Wer auf LindedIn nach Webinaren sucht, kann sich aus einer Bibliothek von ca. 18.000 Webinaren bedienen. 250 Hochschulen und ihre virtuellen Ableger stellen Lerncontents in MOOCs (Massiv Open Online Course) zum großen Teil kostenfrei zur Verfügung.

Das Bildungsmonopol ist Geschichte und oft nur noch durch staatl. anerkannte Zertifikate legitimiert. Die Bedeutung des physischen Lernraumes nimmt dramatisch ab. Lernen, und dabei besonders das Mikrolearning oder auch das selbstorganisierte Lernen, koppelt sich von klassischen Lernräumen ab. Im Café lerne ich lieber als im Klassenraum einer Volkshochschule. Freiwillige Weiterbildung an Lerninstitutionen, die sich ein Programm über Monate geben, scheint an Bedeutung zu verlieren. Die sinkenden Belegungszahlen in der Erwachsenenbildung bestätigen dieses. Wer einmal eine Seminarabfrage zu den Lieblingslernorten macht, wird institutionelle Räume ganz am Ende der Skale finden.

Der Lernraum geht im Lebensraum auf!

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Allerdings hat staatl. Weiterbildung die Veränderungen im sicheren Hafen verschlafen. Klaus Haefner beschreibt dies bereits 1984 in seinem Buch „Mensch und Computer im Jahre 2000“. „Während in Wirtschaft, Verwaltung und Industrie die Informationstechnik intensiv genutzt wird und jeden Tag neue Rechner, neue Roboter, neue Datennetze aufgebaut und in Betrieb genommen werden, hat das Bildungswesen die Informationstechnik bisher in seinen institutionellen Strukturen kaum zur Kenntnis genommen. Es fühlt sich – insbesondere in der Bundesrepublik angesichts einer verbeamteten Lehrer- und Hochschullehrerschaft – nicht unmittelbar betroffen von Automatisierung und Computerisierung.“  Diese Analyse ist 34 Jahre alt!

Die Erkenntnis, dass Digitalisierung unsere Zukunft massiv gestaltet reift gerade heran und die Weiterbildung macht sich auf den Weg, den Webkosmos als „Wissensraum“ zu verstehen. Was fehlt sind allein die Raumstationen und ausgebildete Lernastronauten. Im Webkosmos sind die Perspektiven verschoben. Dort gibt es nicht DIE Institutionen, die den potentiellen Kunden sagen, was sie zu lernen haben. Im Mittelpunkt stehen die Nutzer*innen. Es wird Content zum Abrufen bereitgestellt. Kuratieren, Relevanzfeststellung und Curriculum sind nicht mehr nur an pädagogische Arbeit geknüpft. Die User*innen brauchen erweiterte Kompetenzen, um sich dem geeigneten Content zu nähern. Technisches Wissen, Websuche, Relevanzprüfung und Kommunikation sind Einzelfähigkeiten, die mit der Fähigkeit Netzwerke aufzubauen und zu nutzen abgerundet werden. Jetzt nähern wir uns langsam dem dritten Ort.

Neben diesen neuen Kompetenzen, für User*innen und Mitarbeiter*innen aus der Weiterbildung, ist Glaubwürdigkeit der Bildungsmanager gefragt. Wer selbst das Mindset der Web-Bildungsgalaxie nicht beherrscht, ist als Scout wenig glaubhaft. Und so schaffen es bisher nur relativ wenige aus dem professionellen Feld der Weiterbildung, sich als Scouts zu profilieren. Neugierde und Risikobereitschaft braucht es dafür. Und es braucht Kooperation und Netzwerke, ein noch zu wenig eingeübtes Feld der selbstreferenziellen Bildungsarbeit in Institutionen.

Das Dilemma ist also: einerseits keine ausreichende Expertise in neuen Bildungssettings zu haben bzw. dafür keine geeigneten Räume bereitstellen zu können, aber andererseits weiterhin die Deutungshoheit über Lerninhalte und Formate zu behalten. Das kann nur schiefgehen!

Da kommt der dritte Ort als eines von vielen Lösungsmodellen ins Spiel.  Der dritte Ort bietet ideale Bedingungen, um sich als Institution in eine lernende Rolle zu begeben, ohne den Bildungsauftrag aus dem Blick zu lassen. Aber der Reihe nach. Was ist ein dritter Ort? Den Begriff hat Ray Oldenburg geprägt. Wikipedia fasst dessen Perspektive in einem Absatz zusammen: Oldenburg nennt seinen „ersten Platz“ das Zuhause und das, in dem man lebt. Der „zweite Platz“ ist der Arbeitsplatz – wo die Menschen tatsächlich die meiste Zeit verbringen können. Dritte Orte sind also „Anker“ des Gemeinschaftslebens und erleichtern und fördern eine breitere, kreativere Interaktion. Mit anderen Worten: „Der dritte Ort ist der Ort, an dem Sie sich in der Öffentlichkeit entspannen, wo Sie vertrauten Gesichtern begegnen und neue Bekanntschaften schließen“. (Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator)

Was braucht es, um dritte Orte zu kreieren und
warum sind dritte Orte eine Hilfe für uns Weiterbildner*innen?

Schauen wir uns die Kriterien darauf hin einmal an:

  • Dritte Orte benötigen gastgebende Personen/Träger.
    Die Betreiber sind nicht die „Bestimmer“. Sie stellen einen Raum zur Verfügung. Sie brauchen auch kein Programm anzubieten, um die potentiellen Besucher/innen zu unterhalten. Sie können zu Aktivitäten annimieren, aber letztendlich machen die Besucher*innen ihr eigenes Programm. Es ergeben sich Möglichkeiten des peer2peer-Lernens. Beispiel: ich interessiere mich für 3D-Druck und suche Akteure in meiner Umgebung für einen Austausch. Am schwarzen Brett und im Web nenne ich den Termin für ein Treffen. Ob es dann Interessenten gibt, wird sich zeigen. Die Bildungsmanager/innen können zuschauen, können lernen und evtl. darauf aufbauende Angebote entwickeln.
  • Dritte Orte stehen für alle offen zur Verfügung
    Das suchen nach geeigneten Zielgruppen wird minimiert, da der Raum als Anziehungspunkt selbst wirkt und die Besucher im eigenem Umfeld „Werbung“ machen. Egal wer kommt, es sind die Richtigen. Das Missionieren für Weiterbildungsangebote findet ein Ende. Wer letztendlich kommt orientiert sich am vorhandenen Standort und Ausstattung des Ortes.

 

  • Dritten Orten bieten Kommunikation
    Kommunikation als Dialog zwischen Menschen. Die Bildungsmager*innen brauchen lediglich die Infrastruktur bereitstellen. Ein gutes wlan, Ruhezonen, Eventflächen,eine geeignete Einrichtung für unterschiedliche Bedürfnisse. Das Raumdesign spielt dabei eine entscheidende Rolle. Orientierung schaffen und ein Willkommensgefühl erzeugen. Es braucht Wertschätzung für alle Besucher. Allein eine Sofagarnitur und eine Zimmerpalme in einen Raum zu stellen, das wird nicht reichen.

 

  • Dritte Orte sind dann zugänglich, wenn man sie benötigt.
    Angestellte Mitarbeiter*innen können diesen Anspruch kaum bewältigen. Damit verbunden ist der Zwang die Besucher/Innen selbst in die Rolle der Gastgeber zu integrieren. Neben automatisierten Tools ist ein ehrenamtliches Engagement nötig. Was nützen einem geschlossene Räume am Sonntag oder zu Weihnachten, nur weil das hauptamtliche Personal keinen Dienst hat.

 

  • Dritte Orte werden unregelmäßig, aber oft aufgesucht.
    Die Besucher/innen kommen, wann sie Lust und Zeit haben oder wenn etwas ansteht, was sie interessiert. Vormittags oder abends, mal 1 Stunde oder auch einige Stunden. Manchmal reicht es in einer schönen Atmosphäre Zeitung zu lesen, so wie es in Bibliotheken täglich geschieht. Keine Anmeldung oder Reservierungen.

 

  • Dritte Orte sind fußläufig zu erreichen oder mindestens in der Nähe.
    Die kommunale Nähe ist zwingend, wenn der Raum für alle offen sein soll. Als „zweites Zuhause“ braucht es die regionale Anbindung. Es braucht die Anbindung an den Alltag. Das gelingt dann, wenn die Besucher den Ort als Ihren Ort verstehen.

 

  • Dritte Orte sind in ihren Nutzungsmöglichkeiten offen.
    Zeitung oder Bücher zu lesen, Spiele zu spielen gehört dazu, wie auch digitale Arbeitsplätze- oder Lernprogramme. Schön wäre eine Bühne, damit die Menschen sich gegenseitig etwas zeigen könnten. Kleine Bühnen bieten auch kommunalen Initiativen eine Verortung. Ruhige Rückzugsorte und Kinderecken zu designen ist nicht einfach und deshalb wohl einer der größten Ansprüche an funktionierende Raumkonzepte. Flexibilität im Raumkonzept ist dabei Grundvoraussetzung.

 

  • Dritte Orte geben Anregungen und Unterhaltung.
    Es braucht Begleitung und Betreuung, nicht allein durch Bildungsmanager/innen, sondern auch durch andere Besucher/innen. Insofern ist zu Beginn sicher mit gezielten Anregungen zu arbeiten. Der Raum für Unvorhergesehenes sollte dabei von Anfang an vielfältig vorhanden sein. In der Begleitung der Aktivitäten liegt ein riesiges Potential, um die eigene Bildungsarbeit neu zu verorten. Mit dem Blick Menschen miteinander zu verbinden, wird ein regionales Netzwerk geschaffen. Die Betreiber können somit ein zentraler Knotenpunkt für regionale Entwicklung sein. Für unsere gesamte Bildungsarbeit entsteht eine neue zeitgemäße Plattform.

 

  • Dritte Orte sind kommerzfrei
    Wichtig ist, dass der Zugang nicht automatisch an einen Konsum gekoppelt wird. In kommerziellen Orten wie Cafe´s ist das Voraussetzung für einen Besuch. Im dritten Ort kann es als optionale Zusatzleitung geboten werden. Aber bitte nicht als Nutzungsvoraussetzung.

 

Die neu eröffnete Bibliothek in Köln Kalk wurde von Aat Vos gestaltet

 

Ein dritter Ort entsteht meist nicht singulär, es braucht dazu kommunale Kooperation. Bereits in der Vorplanung werden Anregungen und Zielsetzungen definiert. Die Einbeziehung kommunaler Stakeholder ist dabei von besonderer Bedeutung. Ausgehend von bestehenden Kontakten kann im Netzwerk ein grobes Konzept entstehen. Um daraus ein gelingendes Konzept zu formen, ist die Einbeziehung der Nutzer*innen Voraussetzung. In den Planungen zum Bildungshaus Norderstedt wird aktuell auf die Methode des Design Thinkings zurückgegriffen. Das beinhaltet bereits einen ersten Schritt, um Nutzer*innen einzubeziehen.

Ein Barcamp zu veranstalten, um die Wünsche und Ideen der Nutzer*innen kennenzulernen, wäre die nächste Stufe der kommunalen Beteiligung. Dort lassen sich wichtige Stakeholder identifizieren. Ob Einzelpersonen, Vereine, Unternehmen oder andere Akteure der Zivilgesellschaft. Mit ihnen kann die Feinplanung gemacht werden.

Neben den Raumanforderungen, braucht auch das Personal erweiterte Kompetenzen. Die Bibliotheken sind nicht durch Zufall erster Treiber dieser Konzepte. Deren Personal ist in Beratung und Begleitung von Besuchern geschult. Was neu hinzukommt, ist die Netzwerkarbeit vor Ort. Besucher miteinander in Kontakt zu bringen, Gruppenarbeit zu ermöglichen und eine Grundkompetenz in Sachen digitaler Unterstützung ist dabei hilfreich. Das wird traditionellen Einrichtungen der Weiterbildung schwer fallen. Sie besitzen meist keine offenen Räume. Ihre Räume werden für Gruppen aufgeschlossen und nach dem Angebot wieder abgesperrt. Das Organigramm dieser Weiterbildungseinrichtungen ist nicht auf ein offenes Angebot zugeschnitten. Weder in der Beschreibung der Arbeit, noch als Bestandteil der kommunalen Zielvereinbarungen.

Diese Entwicklungsphasen sind Teil eines eher rationalen Planungsprozesses. Damit es gelingt, braucht es Energie und Begeisterung der Beteiligten. Die Umsetzung hängt dabei oft an einer Person, die die Idee des Dritten Ortes umsetzen will und alles dafür tut. Das braucht Mut, denn ein dritter Ort ist „allways beta“, nie fertig, immer im Fluss der Veränderungen. Anfangen, ohne das Ende zu planen, ist keine leichte Übung. Ein Team, welches sich darauf einschwört, braucht auch interne Wertschätzung der nächst höheren Hierarchieebene. Am besten von ganz oben.

Dritte Orte sind sehr unterschiedlich. Damit sie angenommen werden, braucht es Zeit und Geld. Es müssen nicht unbedingt teure designte Orte sein, es kann auch improvisiert werden. Wir können klein beginnen und diese Orte weiterentwickeln. Unabdingbar ist die Authentizität der Betreiber und die Einsicht der Kommune, dass diese Orte in allen Lebensbereichen der Kommune hilfreich sein können. Argumente dazu gibt es viele: nicht nur die Vernetzung kommunaler Akteure, auch regionale Wirtschaftsförderung oder Optimierung kommunaler Handlungsfelder, bis hin zur Stärkung des Ehrenamtes. Vieles ist machbar, wenn sich die Kommune dieser Förderung mit Wertschätzung annimmt.

 

Weblinks


– Community:
www.dritte-orte.de

Dritte Orte auf Facebook

wb-web.de/material/lehren-lernen/dritte-orte-fur-die-erwachsenenbildung.html

 

– Raumdesign:
Aat Vos
https://aatvos.com

Elias Barrasch
https://sirkkafreigang.com/2017/06/11/designimlernraum-im-dialog-mit-elias-barrasch/

 

Politik
Ministerin Isabel Pfeiffer Poensgen – Pilotprojekt Dritte Orte – Landtag NRW 2018

– Beispiel:

Bibliothek Tøyen (Oslo, Norwegen)

 

– Projekt:
Bildungshaus Norderstedt

Entwurf Bildungshaus Norderstedt
Büro Richter/Musikowski, Berlin

 

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Verfasst von: Joachim Sucker | 23. Oktober 2018

Wir suchen dritte Orte!

Wir brauchen neue und unverbrauchte Lernorte, damit wir unsere Themen miteinander bereden und uns von den Programmen der Erwachsenenbildungseinrichtungen nicht weiter dominieren lassen. Das klingt jetzt aufrührerisch, ist es aber nicht. Es beschreibt vielmehr eine Realität jenseits der aufbereiteten Bildungsangebote von Pädagogen der Erwachsenenbildung.

An vielen Orten wird dies bereits gelebt. Im MOOC Leuchtfeuer 4.0 haben wir uns in einer Community mit diesen neuen Orten beschäftigt. CoWorking, Makerspace, FabLabs oder reparier cafe`s sind Ausdruck dieser „Bildungsfreiheit“. Meist sind diese Orte thematisch schon klar definiert. Hier geht es um das gemeinsame Arbeiten oder die Herstellung von Produktion, bzw. dem nachhaltigen Umgang mit Elektroprodukten. Das ist gut, denn dazu braucht es eine Infrastruktur von Arbeitsplätzen und Werkzeugen, die nicht immer einfach zu beschaffen sind. Einige dieser Orte stellen wir im MOOC Leuchtfeuer 4.0 vor. Nicht nur in Deutschland, sondern auch mit Anja Wagner  in den USA.

Gewinnerentwurf (2007) im Architektenwettbewerb 2018 – Richter/Musikowski Berlin, Bildungshaus Norderstedt/Garstedt

Neben diesen Communities wird zunehmend die Notwendigkeit klar, große Bevölkerungsgruppen die digitale Teilhabe zu ermöglichen. Wer will, kann hierzu viele, viele Kurse finden, oder im Web auf YouTube tausende Infos anschauen. Das können die Menschen, welche die noch eher seltene Qualifikation des selbstorganisierten Lernens besitzen. Es bleibt noch eine große Anzahl von Menschen, die weder selbstorganisiert, noch in den Räumen der VHS oder Bibliothek ihren Ort gefunden haben. Menschen, die aktiv werden wollen, ohne in die Rolle des Lehrenden oder Lernenden gedrängt zu werden.

Als Antwort darauf wird der „dritte Ort“ gehandelt. Ein offener Raum, der Menschen einlädt, ihre Themen mit anderen zu bearbeiten, sich selbst schlau zu machen und es anderen auf Augenhöhe zu erzählen, wenn diese anderen denn wollen. Ich glaube, dass diese neuen Orte der Begegnung eine Antwort auf aktuelle Herausforderung von „digitaler Volksbildung“ sein können. Aber nicht nur das: wir brauchen in den Kommunen Orte, die kommerzfrei den Austausch in der Nachbarschaft befeuern – und das bitte selbstbestimmt.

Dabei sind die örtlichen Bedingungen für die Schaffung dieser Räume sehr unterschiedlich. Es gibt nicht DAS Rezept, es gibt hunderte unterschiedlicher Ansätze. Es braucht auch keine Ansage der traditionellen Player, sondern Initiative von unten. Dritte Orte erzeugen teilweise ein Vakuum, in welches die interessierten BürgerInnen hineinströmen. Es ist IHR Raum.

Kreativhaus im Bürgerpark Aachen

Zusammen mit Nele Hirsch @eBildungslabor  und Nina Oberländer @noberlaender begeben wir uns auf die Suche nach solchen Konzepten und bestehenden Orten. Kein großer Onlinekurs, wir sammeln auf der Website Dritte-Orte Informationen dazu, damit interessierte Menschen, Kommunalpolitiker oder kommunale Verwaltungen einige Ideen zur Umsetzung von dritten Orten kennen lernen. Inhaltlich sicher eine Initiative, die als Ergänzung zum Leuchtfeuer 4.0 dienen kann, dessen Videos schon viele Konzeptansätze gut beschreiben.

Auf der Website Dritte Orte haben wir ein erstes Interview zum Neubau eines Bildungshauses in Norderstedt veröffentlicht. Das Besondere daran ist, dass das Konzept des dritten Ortes im Fokus der Planungen steht. Und noch etwas Besonderes daran ist, dass die VHS, die Stadbücherei und das Stadtarchiv diesen „Nutzertempel“ planen. Sie wollen sich dort auch neu erfinden. Ein anderer Beitrag stellt das Kreativhaus in Aachen in den Mittelpunkt – ganz klein, ganz unscheinbar im #Moltkepark der Stadt Aachen. Das ganze Objekt ist als große Eingangstür konzipiert.

Nele hat bereits einige interessante Videos eingestellt, die uns die Ideen der Skandinavier näher bringen. Ich bin immer begeistert, wenn ich diese Kreativität sehe, fernab unserer Funktionsräume, die mit einem Fikus Benjamina garniert, Orte des Grauens darstellen.

So richtig gut wird es sicherlich, wenn sich an der Suche noch viele von Euch beteiligen. Da bin ich ganz optimistisch. Schließlich wird das Konzept bereits in einigen Bibliotheken angedacht und teilweise bereits umgesetzt. Und unsere Facebook Gruppe Dritte Orte ist natürlich für den schnellen Austausch auch am Start.

Ich freue mich auf Euch.

 

 

 

 

Verfasst von: Joachim Sucker | 19. Mai 2018

Ein wunderbarer Service

Die Online-Tandem-Sprachen-Börse

– mein Werbebeitrag aus Leidenschaft! –

Auf der Suche nach innovativen VHS-Angeboten, die uns den Weg in die digitalisierte Gesellschaft zeigen, bin ich auf die Hamburger Tandembörse gestoßen. Meine früheren Kollege*innen haben da etwas Wegweisendes auf den Weg gebracht.

Aber der Reihe nach: in dem nachfolgenden Video erklären Jörg Gensel und Ilker Ipek aus dem Marketing-Team die Online-Tandem-Börse.

Warum mich das als Marketingmensch so begeistert?

  1. Die digitale Plattform ist einfach aufgebaut.
    Gute einfache Sprache ermöglicht eine sofortige Teilhabe
  2. Die Börse erweitert das Sprachenlernen abseits der VHS, aber mit einem deutlichen Bezug auf die VHS. Die Vermarktung über die Volkshochschule vermittelt mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen, die bereits einen Bezug zur Volkshochschule haben. Das schafft einen leichteren Zugang.
  3. Eine Online-Plattform, die Menschen in Bewegung bringt, entspricht dem Anspruch der Volkshochschulen. Die Volkshochschule kann sich mit diesem Service profilieren.
  4. Ein Mitmachen anderer Volkshochschulen ist extrem einfach – eine hohe Skalierbarkeit als Garant für eine bundesweite Verbreitung. Eine VHS, die mitmachen will, kann aus Hamburg Informationsmaterial bekommen (Flyer, Plakate, Banner, …sogar mit dem eigenen Logo). Der Link auf der Website ist einfach gesetzt. Die typische VHS-Planungsarbeit entfällt völlig.
  5. Der Mehrwert für die VHS ist vielfältig. Durch die Verbindung zwischen Tandem-Börse und nationaler VHS-Datenbank bekommt jeder Tandem-Nutzer auch die jeweiligen VHS-Sprachkurse in seinem Umkreis angezeigt. Damit können Sprachkurse gezielt an Interessierte niveauangepasst vermittelt werden.
  6. Kosten fallen für Volkshochschulen nur an, wenn für die Tandem-Partner die passenden Sprachkurse des jeweiligen PLZ-Bereiches angezeigt werden sollen. Die Kosten sind gering, da die Hamburger Volkshochschule nur kostendeckend arbeiten will.
  7. Die Marke VHS ist damit bundesweit vertreten und kann dadurch ihre Stärke ausspielen.

Woran könnte das Projekt bundesweit scheitern?

Wer die Börse in seinem Bereich anbieten will, ist für die Werbung zuständig. Das muss schnell und intensiv erfolgen, damit viele Menschen auf der Plattform vertreten sind. Sollten in meinem PLZ-Bereich nicht hinreichend viele andere Menschen vertreten sein, verlasse ich die Plattform und komme wahrscheinlich nicht noch einmal vorbei. Es macht also in der ersten Phase Sinn, Volkshochschulen auf die Plattform zu nehmen, die diese Voraussetzung erfüllen können. Ähnlich einem Startup, welches erst in größeren Städten auftritt, um darüber eine Plattform zu füllen.

Wenn alle großstädtischen Volkshochschulen dabei sind,
wird die Börse zum echten Erfolgsmodell für die ganze VHS-Familie werden.

Einfach mitmachen!!!

Kontakt: I.Ipek@vhs-hamburg.de  oder  J.Gensel@vhs-hamburg.de

Verfasst von: Joachim Sucker | 9. Mai 2018

Gibt es eine VHS-Digitalisierungsstrategie?

Gibt es eine Digitalisierungstrategie?

Im November hatte ich dazu Martin Lindner von der VHS Lingen befragt. Nun konnte ich auf dem #vhscamp18 Cornelia Steinigen von der VHS Berlin-Mitte und Caroline Baetge/Christian Soyk von der VHS Leipzig befragen.

Ich bitte den mäßigen Ton im obigen Video zu entschuldigen.

Am Vortag des #vhscamps auf dem #barcampepale wurde die Frage nach der Digitalstrategie auch von Tobias Wilder vom Bildungszentrum Nürnberg gestellt. Das Sessionprotokoll habe ich verlinkt.

Mein Eindruck:

Solange es keine Gesamtstrategie gibt, bleibt die Digitalisierung des Programms und der Einrichtung sehr an Einzelpersonen hängen. Medienkompetenz steht im Vordergrund. Sehr viele setzen auf die Freiwilligkeit der Mitarbeiter. Erste Stimmen zu Pflichtfortbildungen werden laut. Vom freundlichen Zwang ist die Rede. Konkrete Ziele sind schwer auszumachen.

Verfasst von: Joachim Sucker | 3. April 2018

Was ist digitale Volksbildung

Was ist digitale Volksbildung?

Da hab ich doch einen kleinen Schreck bekommen, als ich Anjas Beitrag über digitale Volksbildung las. Anja, Du suchst immer die Wege aus den Kuschelecken der einfachen Antworten. Dafür schätze ich Dich.  Aber 😉 – so pauschal digitale Volksbildung als “pillepalle” darzustellen, ist für mich ein willkommener Anlass, den Begriff  “digitale Volksbildung” anfassbarer zu machen. Zumindest in der Variante, die ich früh in die Diskussion einbrachte. Schließlich bin ich in Deinem Beitrag auch gemeint: “Derzeit erheben sich einige Personengruppen, wieder neu zu definieren, was man heute wissen muss oder wie man sich zu verhalten habe …

Unbestritten stellen sich bei einigen unter uns die Nackenhaare auf, wenn sie “digitale Volksbildung” hören. Nach 25 Jahren VHS-Arbeit bleibe ich beim Begriff “Volksbildung” gelassen. Wer dabei düstere Visionen aufziehen sieht, kann sich bitte einen besseren Begriff ausdenken. Aber bitte nicht digital Literacy.

Unbestritten befinden wir uns auch in einem gesellschaftlichen Umbruch. Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung versetzen sehr viele in Angst und Ratlosigkeit. Wir haben alle viel zu lernen, wenn wir diesen Wandel auch nur in Ansätzen verstehen wollen. Künstliche Intelligenz – smarte Konzepte zur Weltverbesserung an jeder StartUp-Ecke. Kapitalisten, die außer unseren Daten nichts haben, erleben Höhenflüge an den Börsen. Der Plattformkapitalismus greift um sich. Datenschutz und der Wunsch nach Privatsphäre scheinen angesichts der vorherrschenden Geschäftsmodelle aussichtslos. Wir werden nicht gefragt, ob das in unserer Demokratie so sein soll. Die, die uns fragen sollten, unsere Politiker, haben keine Ahnung und wir, die etwas dazu sagen sollten, auch sehr wenig. Es reicht eben nicht, nur kluge Fragen zu stellen. Wir brauchen langsam mal Antworten, solange die Realität dafür noch den Raum bietet. Da könnte Bildung einen Beitrag leisten.

Anja, es reicht aus meiner Sicht nicht, wenn Du schreibst: “Dass diese ganzen “Schwachen” schon lange auf ihre Art digital kompetent unterwegs sind, sie selbstverständlich WhatsApp, Facebook und YouTube für ihre Zwecke nutzen, das wird dabei völlig ignoriert.“ Ich möchte Menschen dabei unterstützen, mehr über die digitalisierte Gesellschaft und unsere Zukunft zu erfahren. Ich möchte Gelegenheiten schaffen, Neugierde entstehen zu lassen. Das wäre die Aufgabe von digitaler Volksbildung. Es reicht mir nicht, wenn die “Schwachen” nur Konsumenten sind. Und mit “Schwachen” meine ich uns alle, die ratlosen 95%.

In Deinem Beitrag schimmert immer die Perspektive von Schule und Hochschule durch. Du schreibst von den Wissenden oder den Schwachen. So mag es in der Schule und Hochschule immer noch sein. Ich rede hier aber von Erwachsenenbildung. Und diese Form der Bildung ist zuallererst lebensgeleitend und freiwillig. Und – die Menschen bezahlen meist auch noch Geld dafür. Diese anderen Marktbedingungen regulieren das Angebot. Niemand muss seine Freizeit damit verbringen. Ohne eigenen Nutzwert wird das Angebot nicht angenommen. Keiner bezahlt für Angebote, die nicht gebraucht werden. Und die über 6 Millionen Anmeldungen in den 900 Volkshochschulen werden ihre Berechtigung haben, die ich nicht in Frage stelle. Sich darüber zu erheben, steht mir und uns nicht zu.

Bildung auf Augenhöhe

In meiner digitalen Volksbildung gibt es auch nicht DIE Wissenden. Anders als früher sehen wir, dass gerade Erwachsenenbildung lernend ist. Ich sehe keine VHS, die anderen sagt, wie die Welt funktioniert. Sie wissen es selber nicht. Das ist doch schon mal eine gute Ausgangslage um auf Augenhöhe gemeinsam zu lernen.

Ich sehe in meiner Bildungsvision auch nicht nur Kurse. In unserem gemeinsamen MOOC Leuchtfeuer 4.0 haben wir digitale Volksbildung realisiert. Wir schauten neue Lernräume an oder die Verbindung zwischen Arbeit und Lernen und einiges mehr. Als Mitveranstalter habe ich nicht anders oder weniger gelernt, als alle anderen der über 600 Angemeldeten. Wir haben Impulse hineingegeben, ohne zu sagen, wie damit umzugehen ist. Die dadurch initiierten Gespräche haben mir viel gegeben.

Digitale Volksbildung braucht einen Kanon von Lernsettings. Stichworte hierzu sind: neue Räume wie Makerspaces, Repaircafe`s, FabLabs oder die bekannten Co-Working-Spaces als Orte des Austausches und nicht als Kursräume. Ich sehe Räume, in denen die Menschen peer2peer aufeinander zugehen, so wie es erste Bibliotheken vormachen. Ich sehe offene Orte, den sog. „Dritten Ort„, wo Menschen eigene Formate erfinden, seien es Vorträge, Spiele, Erzählrunden, digitale Bürgersprechstunden, …  – selbstorganisiert wäre natürlich gut. Diese Räume können von kommunalen Einrichtungen geschaffen werden, ohne Kontrolle über die Aktivitäten zu beanspruchen. In Norderstedt wird VHS und Bibliothek einen solchen Raum herstellen. Aber natürlich sehe ich auch klassische Kurssettings, wenn sie gewünscht sind. Das entscheiden die Menschen ganz eigenständig.

Digitale Volksbildung ist auch kein Projekt für eine Organisation. Sie ist die Aufgabe aller, die dafür einen Beitrag leisten wollen. Dazu wird es Anreize zur kommunalen Vernetzung brauchen. Von wem die Initiative ausgeht ist je nach Kommune verschieden. Vielleicht nennen sich diese Orte digitale Bürgerbüros, wie in Wolfsburg oder die Kirchengemeinde macht Platz für einen Ort der Begegnung. Oder es ist der Versammlungsraum in der Dorfkneipe, wo Menschen über digitale Anwendung im Dorf sprechen. Oder Seniorenrunden beim ASB, die ihre Wohnungen mit Sensoren ausstatten, oder …. Und ja, Medien und EDV gehört ebenso dazu. Aber, und das ist entscheidend, keine strikte Agenda, sondern Platz für das Unvorhergesehene.

Digitale Volksbildungist kein 5 Milliarden-Programm für Schulen: wir brauchen keinen Masterplan, wir brauchen Kreativität und Neugierde, andere Wege zu gehen. Nicht für Menschen, sondern mit Menschen. Nicht für Institutionen, die ihre Existenz begründen wollen, sondern für die Familie und die gesamte Kommune, das Volk.

Wir brauchen aber Stakeholder, die in der Lage sind, solche Initiativen bundesweit in die Kommunen zu bringen. Und da gibt es nicht viele, die dazu in der Lage sind. Wenn die Volkshochschulen diesen Weg gehen wollen, wäre das ein Fortschritt, denn sie sind kommunal ein Anker soziokultureller Aktivitäten. Vielleicht nicht in Berlin, Hamburg und Köln, aber in der Fläche schon. VHS als Initiator kommunaler Bündnisse. Nicht auf dem eigenen Ticket.

Was mich froh dabei macht, ist das Wissen, dass viele Mitarbeiter*innen und Kursleitungen genau darüber sprechen. Sie sehen sich selbst als Suchende, als Lernende. Wenn die Bildungs- und Kultureinrichtungen jetzt noch ihren Egoismus überwinden und die Community in den Mittelpunkt des Handelns rücken, dann kann das Pflänzchen der digitalen Volksbildung langsam wachsen.

Und damit unterschreibe ich auch Deinen Schlusssatz:  “Erhebt euch nicht, sondern schwimmt dort in den Gewässern mit, in denen Menschen bereits aktiv sind! Das wäre meine Empfehlung.”

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