Verfasst von: Joachim Sucker | März 5, 2016

MOOCs und OER sind zwei Seiten einer Medaille

Für die Epale-Publikation „Blick über den Tellerrand“ durfte ich nach einem Webinar (National Agentur für lebenslanges Lernen) einen zusätzlichen Beitrag schreiben. Einige konnten den Beitrag aus technischen Gründen nicht aufrufen, deshalb auf diesem eine Veröffentlichung. Ich empfehle die Gesamte Broschüre zu lesen.

„Zwar sind MOOCs schon oft für tot erklärt worden, aber das lag wohl daran, dass sie mit den uralten Maßstäben der Lehre gemessen wurden. Ein/e Sender/in, viele Empfänger/innen. Heute heißt es bei neuen Lernkonzepten »vom teaching zum learning« – ein deutlicher Paradigmenwechsel. Und dafür eignen sich MOOCs hervorragend. Sie schaffen neue Strukturen und Erfolgsdruck.

Aber schauen wir uns das mal im Detail an: Massiv – ja, es braucht für die Hochschul-xMOOCs eine Masse an »Hörer/innen«. Das ist der Sinn der ausgelagerten Onlinevorlesungen. Wer, was und wie viel davon dabei lernt ist schwierig herauszufinden, dafür werden jetzt BigData-Modelle erprobt. Diese sollen erfolgreiche Studierende herausfiltern und für den Arbeitsmarkt anbieten. Massiv ist aber auch ein Treiber für eine neue Öffentlichkeitsarbeit. Wer eine hinreichende Menge von Lernenden erreichen will, muss über die eigenen Gartenzäune hinweg werben. Jeder MOOC, der diesen Anspruch hat, braucht ein Marketing. Das ist nicht immer bequem, denn Marketing braucht entsprechende Botschaften. Versprechungen werden gemacht – und diese müssen kürzer als 1.000 Zeichen sein. Hier trifft Bildung auf Wirklichkeit. Die Volkshochschulen haben in diesem Fall einen kleinen Vorteil, denn sie müssen schon seit langem ihre Bildung »verkaufen«. Sie sprechen schon länger vom Kunden/von der Kundin und handeln aus seiner/ihrer Perspektive. Auch dieser Marketinggedanke treibt den nächsten Begriff.

Open – bedeutet schon länger nicht mehr nur den offenen Zugang für Lernende. Open ist der Schlüssel für die Weiterentwicklung von MOOCs. Open für neue Partnerschaften, für ein gemeinsames Entwickeln von Lerninhalten und einen gemeinsamen Vertrieb auf dem Bildungsmarkt. Marketing macht es möglich. Open für ungewöhnliche Partnerschaften. Die Hamburger Volkshochschule und die Bremer Volkshochschule konnten die FH Lübeck für einen gemeinsamen ichMOOC (Mein digitales ich) begeistern.
Eine Corporate Learning Allianz begeistert acht große Unternehmen, einen »Corporate Learning MOOC« zu realisieren. Überall finden Gespräche für neue Partnerschaften statt. Bald werden auch städtische Einrichtungen MOOCs als Beteiligungsmodell für große Projektvorhaben (z.B. Stadtentwicklung) entdecken. Unternehmen werden eigene MOOCs veranstalten, denn der Kampf um die Talente geht in eine neue Phase. Allein an einer Hochschule für sich zu werben, wird da zu wenig sein. Für internationale Partnerschaften braucht es keine zwei Jahre in der Antragsvorbereitung. Kurze Verständigungen über Facebook oder andere Kanäle sind ausreichend.

Open sind auch die Themen. Die VHSen haben einen Strick-MOOC veranstaltet. 500 Menschen haben sich zu diesem ungewöhnlichen Thema getroffen. Und das waren keine Kaffeekränzchen-Clubs. Hier werden MOOCs in die Wohnzimmer geholt. Der vhsMOOC war ein FortbildungsMOOC für alle Kolleg/ innen und Kursleitungen. Der ichMOOC eröffnet eine Reihe, die als digitale Grundbildung bezeichnet werden kann. Das Hasso-Plattner Institut bietet einen ProgrammierMOOC für Schüler/innen an. Dazu braucht es kein Einverständnis von Schulen – wer sich nicht bewegt, wird bewegt. Wir agieren mit MOOCs auf einem offenen Bildungsmarkt. Nicht umsonst investiert der Bertelsmann-Konzern über eine halbe Milliarde Euro in den Bildungssektor. Amerikanische Gesundheitsbildner/innen oder die MOOC-Plattform Udacity sind auf der Einkaufstour. In Deutschland werden größere Bildungsdienstleistungen- und plattformen initiiert. Der Konzern nennt es seine dritte Säule. Die Stadt Hamburg entwickelt eine Hamburger Open Online University (HOOU), um Bildung nicht über private Plattformen an den Markt bringen zu müssen. »Von Google lernen«, heißt das Motto des Bürgermeisters Olaf Scholz.

Online Alleine ist auch nicht mehr zwingend. Der ichMOOC hat Online mit Präsenzphasen verbunden. Dieses Blended-Format ist für Volkshochschulen ideal, denn sie kommen aus der Präsenzlehre und sind über ganz Deutschland verteilt. Flipped-Classroom Konzepte sind ebenso denkbar. Dabei ist der MOOC das Content- und Kommunikationsangebot, welches vor Ort individuell angepasst wird. Auch wenn noch nicht überall Lehrvideos ruckelfrei zu sehen sind, Online-Präsenz wird ein Teil der Grundversorgung sein, wie Wasser oder Strom.

Course muss als Online-Course übersetzt werden. Online ist hierbei auch der Treiber, um Lehrmaterialien entsprechend den Usergewohnheiten im Web anzupassen. Neue Videoformen, neue Dokumentenablagen, neue Kursdidaktiken, die nur online funktionieren, werden entwickelt. Auch hier hilft das Motto »vom teaching zum learning«. Webgewohnheiten (»kurz und knackig«) zu berücksichtigen, war bisher nicht die Stärke traditioneller Bildung. Darunter muss übrigens der Inhalt nicht leiden.

Courses waren bisher auch an Räume geknüpft. Hier dienen die MOOC-Plattformen als Kursraum. Aber es gibt mit den cMOOCs auch andere Settings. Das gesamte Web kann hierbei als Kursraum angesehen werden. Neben den Foren der Plattformbetreiber werden kollaborative Tools wie Slack und Periscope ausprobiert oder SocialMedia-Gruppen als Räume genutzt. Wieder ein vernünftiger Perspektivwechsel, die Nutzer/innen in den Fokus zu nehmen. Usability ist das Schlagwort.
Jeden Monat etwas Neues. Die richtige Mischung zu finden, braucht Medienkompetenz der Anbieter, aber auch der Lernenden. Hier liegt, neben den fehlenden Strategien der Bildungsanbieter/innen, die hauptsächliche Bremse in der Verbreitung der Online-Lehre.

MOOCs benötigen generell die Fähigkeit selbstorganisiert zu lernen. Auch hier befinden sich Anbieter/innen und Nutzer/innen in der Erprobungsphase. MOOCs sind eigentlich tot. Sie dienen lediglich als Schlagwort, um innovative Bildung zu beschreiben. Zu sehr sind sie bereits ausdifferenziert. Was bleibt sind die Begriffe Massiv, Open, Online, Course. Mehr nicht.

Offene Bildungsmaterialien – OER
MOOCs sind aber zunehmend auch als OER-Schleuder zu sehen. Jene MOOCs, die gleich als OER gedacht werden, so wie in Lübeck oder später einmal in Hamburg, werden ihren OER-Content zahlreichen Menschen zur Verfügung stellen. Diese MOOC-Contentschleudern können der Humus künftiger Bildungskonzepte sein. Die Metapher des großen Baumes (A. Wittke), der im Stamm den gesamten Content nach oben befördert, wo die einzelnen Verästelungen durch andere Nutzer entwickelt werden, ist hier vielleicht richtig gewählt. So werden z.B. aktuell aus dem ichMOOC andere Kurskonzepte für Volkshochschulen (Hamburg und Bremen) entwickelt. Andere könnten das auch, denn der Content ist frei.

Aber OER ist als Gedanke noch neu. Viele machen sich erst jetzt mit den offenen Bildungsmaterialien vertraut. Aufgabe wird es sein, den Urwald so transparent zu machen, dass der wichtige und gute Content gefunden wird. Hierzu gibt es bereits einige Aktivitäten: Die OER-Transferstelle baut hierzu ein Portal auf, ebenso Wikimedia mit dem Portal »Mapping OER«. Wichtig wären hier Ansätze, die die Endnutzer/innen als Adressat/innen erkennen und keine Labelvermarktung der eigenen Organisation in den Mittelpunkt stellen.“

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Responses

  1. […] Zuerst für EPALE (Electronic Platform for Adult Learning in Europe, eine von der Europäischen Kommission finanzierte, mehrsprachige, offene Community für das Lehr- und Ausbildungspersonal) geschrieben, jetzt noch einmal als Blogpost: Joachim Sucker (VHS Hamburg) sieht MOOCs und OER als Beispiele für innovative Bildung und für die Veränderungen, mit denen wir es im Lernen und Lehren zu tun haben. Und er zählt auf, was in diesem Zusammenhang “massive”, “open”, “online” und “course” bedeuten (können). Joachim Sucker, allesauszucker, 5. März 2016  […]

  2. Guter Überblick und gute Gedanken, Joachim. Vom Volumen her sind die beiden Seiten der Medaille aber ungleich verteilt. Über OER schreibst Du ungleich weniger. Verständlich, denn aus meiner Sicht scheinen MOOC und OER nicht gleich hell. Für mich ist halt alles, was auf dem Web liegt „Open Resources“. Auch, wenn ich ab und mal z.B. für einen Dienst ein paar Groschen bezahlen muss, ist das für mich immer noch „offen“. Was ich ganz daneben finde sind Contents, die zwar frei zugänglich sind, aber wenn Du sie weiter verwendest, ein paar um die Ohren bekommst. Das geht natürlich nicht. Dann braucht’s der Autor auch gar nicht erst zu publizieren.

    OER bestehen für mich aus Unterrichtsmaterialien aller Art, wie sie in cMOOC eigentlich weniger anfallen. Unterrichtsmaterialien kommen in xMOOC vor, denn xMOOC sind ja eine Art Konserven. Ob Unterrichtsmaterialien eines Stanford-MOOC aber OER sind? Ok, uns interessieren xMOOC ja auch nicht sehr. Wäre für Dich denn eine Diskussion im Anschluss an ein z.B. fb-Posting OER? „OE“ bestimmt. Aber „R“? Das müsste doch vorher redigiert, aufbearbeitet und auf einem OER-Server unter dem richtigen Stichwort publiziert werden.

    Spannend, die Fragen um MOOC und OER!

    Liebe Grüsse in den hohen Norden,
    Peter


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