Verfasst von: Joachim Sucker | Januar 17, 2017

Keiner will digitale VHS-Kurse

So kann ich die Klagen von VHS-LeiterInnen auf den Punkt bringen.

Da legt die VHS sich eine Lernplattform wie Moodle an, will dort Materialien zu den Kursen hinterlegen und keiner interessiert sich dafür. Das sorgt für Unmut und führt zu einem Rückzug aus dem digitalen Geschäft.

Aber die Gründe sind hausgemacht.

  1. aepfel-und-birnenWenn die VHS über Jahrzehnte keine digital unterstützten Kurse anbietet, sucht auch keiner in der VHS nach solchen Angeboten. Wer immer nur Äpfel verkauft, hat genau die richtige Kundschaft dafür und kann nicht erwarten, dass sich Birnen sofort gut verkaufen lassen.
  2. Der Mehrwert für Kunden durch die Hinterlegung von Unterrichtsmaterial auf Moodle ist gering. Moodle wird schon oft als PDF-Schleuder bezeichnet. Für die Kunden ein erhöhter Aufwand, denn das Einarbeiten auf Moodle ist für nicht webaffine Kunden ein zusätzlicher Aufwand. Da nehme ich doch lieber die Kopie von der Kursleitung.
  3. Überzeugende Kurskonzepte z.B. als Flipped-Classroom sind noch die Ausnahme. Die Produktionen laufen schwer an. Es gibt zu wenig Pädagogen oder Kursleitungen, die sich dafür begeistern. Naja und dann kommt wieder keiner ;-(
  4. Die Kurse bekommen auch wenig Marketingunterstützung. Sie gehen im Kurskatalog unter. Sie müssen sich neben den klassischen Präsenzkursen durchsetzen. Katalog und Flyer bekommen die Stammkunden, die ÄpfelkäuferInnen. Die Gruppe, die sich für solche Kurse interessiert, muss natürlich auch online angesprochen werden.

Dabei gibt es durchaus alternative Zugänge zu den neuen Kundenkreisen.

Grundlage für neue Wege ist die Erkenntnis, dass nicht jede VHS das Rad neu erfinden muss. Es gibt bereits sehr viel Material im Web. Und einiges davon ist sogar als offenes Bildungsmaterial ( OER ) zugänglich, kostenfrei und ohne, oder mit sehr geringen Einschränkungen in der Nutzung.

Ein Beispiel:

bildschirmfoto-2017-01-17-um-16-30-19Moin/Oncampus, die Plattform der Fachhochschule Lübeck für offene online Kurse sog. MOOCs (Massiv Open Online Course),  hat zur Jahreswende einen Foto-MOOC produziert. Inhalt und Leistungesniveau entspricht genau einem VHS-Einsteigerkurs in die digitale Fotografie (470 Treffer in der Kursdatenbank der Volkshochschulen).

 

bildschirmfoto-2017-01-17-um-16-34-59Der Kurs hat bisher über 750 Einschreibungen – ich bin einer davon. Alle Lernvideos stehen als OER zur freien Nutzung im Web. Selbst wenn der Kurs abgelaufen ist, was lediglich bedeutet, er wird nicht weiter unmittelbar betreut, stehen die Videos auf der mooin-Plattform oder bei YouTube weiter zur Nutzung. Hier liegt also ein fertiges Kurskonzept zur Nutzung bereit, ohne dass eine VHS dafür zahlen müßte oder nenneswert Arbeit investieren müßte.

Wenn eine VHS diesen Kurs aktiv bewirbt hat sie folgende Effekte:
Sie integriert einen fertigen Onlinekurs in ihr Portfolio. D.h. sie reserviert eine Meldung auf der Internetseite oder eine Anzeige im Programmheft. Die Kunden erfahren, dass über die VHS doch schon Online-Angebote erfasst werden. Die Kunden fühlen sich gut beraten.

Bei VHS-KollegInnen löst ein solches Vorgehen reflexartig Ängste aus. „Wir bringen die Menschen doch aktiv zu anderen Anbietern.“ Auf den ersten Blick stimmt das, aber ich habe es 2015 in der Hamburger VHS ausprobiert. Wir haben dort einen StrickMOOC anderer Volkshochschulen aktiv beworben. Wie ich von den StrickMOOC-Verantwortlichen hörte, durchaus erfolgreich. Der Effekt in Hamburg war aber auch, dass sich die Textil-Anmeldezahlen in dem Zeitraum erhöht haben. Ich habe dafür eine einfache Erklärung: Online-Kurse benötigen eine hohe Selbstdisziplin, um den gesamten Kurs zu absolvieren. Mit zunehmender Kursdauer schwindet die Motivation. Das Neue ist nicht mehr neu. Der Wunsch zum Stricken bleibt aber. Das führt zu Anmeldungen in den Präsenzkursen. Die TeilnehmerInnen wissen sehr wohl, dass eine Präsenzgruppe die Motivation hochhalten kann. Diese These ist nicht belegt, aber weitere Versuche würden sich sicher lohnen.

bildschirmfoto-2017-01-17-um-16-31-22 Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten für den Fotokurs. Die VHS kann zu diesem Online-Kurs einen Begleitkurs anbieten. Die Fakten werden über die MOOC-Videos gelernt und die Handhabung kann in Präsenz mit der Gruppe geübt werden. Im MOOC „Gratis Online Lernen“ der Uni Graz haben das einige Volkshochschulen genauso erfolgreich ausprobiert, wie in den 35 MOOC-Bars im Rahmen des ichMOOCs der Bremer- und Hamburger VHS.

Und es geht weiter: Aus den Videos können sich KursleiterInnen einzelne Videos für ihre Kurse heraussuchen und eigene Kurskonzepte darauf aufbauen. Das sind wir schon sehr an einem Flipped-Classroom-Konzept.

Mit etwas Geduld kann so der Übergang zu den „Erweiterten Lernwelten“ auch in den Volkshochschulen geschafft werden. Es bleibt spannend!

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Responses

  1. Hallo Herr Sucker,

    Sie bestätigen mit Ihren Ausführungen zum großen Teil die Erfahrungen, die wir mit den Ausschreibungen der Xpert Business Webinare mit unseren Partner-VHSn gemacht haben.

    zu 1.) Nicht viele, aber einige wenige VHSn waren in unseren Gesprächen der Meinung, dass seitens ihrer Teilnehmenden kein Bedarf an Online-Kursen bestünde. Was Sie treffend mit Äpfeln und Birnen beschreiben, veranschauliche ich diesen VHSn gern mit der Restaurant-Analogie: Wenn Sie ein vegetarisches Restaurant betreiben mit keinerlei Fleischgerichten auf der Karte, dann wird eine Befragung Ihrer Stammkunden ergeben, dass diese keine Fleischgerichte möchten. Das heißt aber nicht, dass es da draußen nicht jede Menge Menschen gibt, die gerne Fleisch essen.

    Einige VHSn haben sogar beide Kurse ausgeschrieben: den Online- und den Präsenzkurs. Die Erfahrungen dieser VHSn aus unserem Pilotsemester zeigen, dass die Teilnehmer der Online-Kurse sonst auch keinen Präsenzkurs belegt hätten. Es findet also keine Kanibalisierung der Präsenzkurse durch die Online-Kurse statt, sondern die Online-Kurse gewinnen echte neue Teilnehmer, da sie einfach einen anderen Lerntyp und eine andere Zielgruppe erreichen.

    zu 2. u. 3.) Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. PDFs zum reinen Selbstzweck auf eine Plattform zu laden ist kein sinnvoller Online-Kurs. Wir bekommen im Verlag immer wieder Anfragen von Bildungsinstituten, die uns geradezu anflehen, unsere Buchinhalte als PDFs bereitzustellen. Wir fragen dann nach dem Einsatzzweck und die ernüchternde Antwort ist oft: „Wir haben da so eine Moodle-Plattform und da müssen jetzt irgendwelche Dokumente drauf.“

    Das Entscheidende an einem Online-Kurs ist weder die verwendete technische Plattform, noch die verwendeten Contents – von beidem gibt es jederzeit jede Menge – Gutes und Schlechtes, Kostenfreies oder Kostenpflichtiges.

    Das Entscheidende ist vielmehr das didaktische Konzept. Wie gestalte und organisiere ich die Selbstlernphase? Wie und wozu nutze ich die Präsenzphasen (seien sie online oder vor Ort in einem Klassenraum)? EduMedia bietet derzeit eine Kursleiterfortbildung zum Thema: „In 8 Schritten vom Präsen- zum Online-Kurs“ an. Eine Herausforderung für viele Dozenten, denn die Rolle des Dozenten und die damit verbundenen Kompetenzen ändert sich fundamental vom „Dozieren“ zum „Coachen“ und „Managen“.

    zu 4.) In Sachen Marketing haben wir im Xpert Business LernNetz so viele Erfahrungen mit VHSn gesammelt – Best und Worst Practice -, dass man allein darüber endlose Abhandlungen verfassen könnte. VHSn unterscheiden sich in Sachen Marketing wie Tag und Nacht. Da gibt es professionell arbeitende VHSn und solche, die Marketing für unnötig halten. Letztere lassen sich ohnehin nicht missionieren, daher konzentrieren wir uns in unseren Beratungsgesprächen und Fortbildungen auf die leicht vermeidbaren handwerklichen Fehler und Fallstricke – insbesondere bei der Kursausschreibung auf der VHS-Webseite.

    Nur ein Beispiel aus vielen:

    Viele VHSn nehmen einen Kurs von der Webseite, wenn er begonnen hat, oder ausgebucht ist. Warum? Egal ob ein Kurs ausgebucht ist oder schon begonnen hat: Die pure Existenz des Kurses auf der Webseite sorgt dafür, dass die VHS mit diesem Kurs von Internet-Suchenden gefunden und im Wettbewerb wahrgenommen wird (Stichwort Äpfel und Birnen oder Fleischesser). Das Zauberwort heißt: „Kompetenzvermutung“. Die Botschaft muss sein: „Hier an der VHS kannst du einen Online-Kurs XY buchen. Sorry, leider schon ausgebucht / sorry, leider schon gestartet. Aber gern im nächsten Semester wieder.“ Mag sein, dass der einzelne Teilnehmer in diesem Moment kein VHS-Kunde wird, weil er nicht warten möchte und dann doch zum Wettbewerb geht. Das macht aber nichts. Denn die Botschaft ist in seinem Kopf und er erzählt es Freunden und Kollegen und schaut beim nächsten Mal wieder auf die Webseite der VHS, wenn er einen Online-Kurs XY sucht. Nur so kann man langfristig Kompetenzvermutung aufbauen.

    In unseren Fortbildungen thematisieren wir noch viele weitere Fallstricke und wie man sie umgehen kann. Dabei geht es nicht um die teuren Banner-Kampagnen oder die Werbung vor der Tagesschau. Allein durch die Vermeidung handwerklicher Fehler auf der Webseite lässt sich große Wirkung erzielen – ohne Einsatz von großen Budgets.

    Die Aufzeichnungen unserer Fortbildungen stehen Interessierten übrigens kostenfrei als Videos zur Verfügung: http://fortbildungen.edumedia.de/mediatheka/

    Beste Grüße
    Mathias Repka
    EduMedia Verlag, Xpert Business LernNetz

  2. mal sehen ob es uns gelingt, ab 6. März mit dem EBmooc ein wenig Ermutigung für die nötigen Schritte anzubieten. Inhaltlich schließen wir ganz bei Ihnen an, Herr Zucker!

  3. […] Keiner will digitale VHS-Kurse […]

  4. an unserer vhs gab es gerade einen internen Kurs „wie bediene ich einen Beamer“. Moddle hat leider eine relativ hohe Einstiegshürde. Git ist z.B wesentlich einfacher.
    Bei den TN kommen so kleine Dinge wie Kahoot sehr gut an.
    Dozenten an der VHS sind eher konservativ. Die TN sind hier oftmals weiter.
    MOOCs und VHS sind keine Konkurrenten. In der VHS spielt das gemeinsame Lernen eine große Rolle.
    Schaun wir mal…. und erweitern wir die Lernwelten


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