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Dritte Orte – neues Blut für die kommunale Bildung

Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Weiterbildung“. Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber, die Ausgabe 1/2019 erscheint am 6.2.19.


Auf den ersten Blick scheint es absurd, in der heutigen Zeit über Lernräume zu schreiben. In Zeiten virtueller Räume gerät der physische Lernort oft ins Hintertreffen, weil die virtuellen Räume gerade erst entdeckt werden. Die schrittweise Aufhebung der Konkurrenz zwischen virtuellen und physischen Räumen ist aber nicht zufällig. Es ist die logische Weiterentwicklung „zeitgemäßer Bildung“.

Lernräume – wir alle haben sie erlebt! Klassenräume und Hörsäale sind Funktionsräume. Seelenlos und phantasielos schmieden sie eine Einheit mit standardisierten Lernkonzepten. Der häusliche Lernraum ist lediglich als Ergänzung dieser Konzepte zu sehen. Dabei ist die Bedeutung von Lernräumen seit langem bekannt. Ein schönes Video aus dem Jahre 2010 beschreibt den Raum als dritten Pädagogen. (Reinhard Kahl, Archiv der Zukunft) 

Diese Lernräume sind unmittelbar an die Bildungsinstitutionen geknüpft. Lehrkräfte und Lernräume sind Bedingungen, um als Lerneinrichtung arbeiten zu können. Vorschule, Schule, Hochschulen, Volkshochschulen und Unternehmen der beruflichen Bildung, sie alle arbeiten nach diesem Prinzip. Es ist schon erstaunlich, wie sich die Weiterbildung an Häuser und Räume klammert. Vieles im „digitalem Klimawandel“ (Martin Lindner) scheint verschwommen und bedrohlich.

Die Digitalisierung hat diese Lernräume explosionsartig und geradezu chaotisch erweitert. Das gesamte Internet ist zu einem Wissensraum geworden. Dort steht der Lerncontent bereit. Er ist zunehmend mobil nutzbar und zu jeder Zeit an fast jedem Ort. Wer nach Tutorials bei YouTube sucht, erhält über 75 Millionen Treffer. Wer auf LindedIn nach Webinaren sucht, kann sich aus einer Bibliothek von ca. 18.000 Webinaren bedienen. 250 Hochschulen und ihre virtuellen Ableger stellen Lerncontents in MOOCs (Massiv Open Online Course) zum großen Teil kostenfrei zur Verfügung.

Das Bildungsmonopol ist Geschichte und oft nur noch durch staatl. anerkannte Zertifikate legitimiert. Die Bedeutung des physischen Lernraumes nimmt dramatisch ab. Lernen, und dabei besonders das Mikrolearning oder auch das selbstorganisierte Lernen, koppelt sich von klassischen Lernräumen ab. Im Café lerne ich lieber als im Klassenraum einer Volkshochschule. Freiwillige Weiterbildung an Lerninstitutionen, die sich ein Programm über Monate geben, scheint an Bedeutung zu verlieren. Die sinkenden Belegungszahlen in der Erwachsenenbildung bestätigen dieses. Wer einmal eine Seminarabfrage zu den Lieblingslernorten macht, wird institutionelle Räume ganz am Ende der Skale finden.

Der Lernraum geht im Lebensraum auf!

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Allerdings hat staatl. Weiterbildung die Veränderungen im sicheren Hafen verschlafen. Klaus Haefner beschreibt dies bereits 1984 in seinem Buch „Mensch und Computer im Jahre 2000“. „Während in Wirtschaft, Verwaltung und Industrie die Informationstechnik intensiv genutzt wird und jeden Tag neue Rechner, neue Roboter, neue Datennetze aufgebaut und in Betrieb genommen werden, hat das Bildungswesen die Informationstechnik bisher in seinen institutionellen Strukturen kaum zur Kenntnis genommen. Es fühlt sich – insbesondere in der Bundesrepublik angesichts einer verbeamteten Lehrer- und Hochschullehrerschaft – nicht unmittelbar betroffen von Automatisierung und Computerisierung.“  Diese Analyse ist 34 Jahre alt!

Die Erkenntnis, dass Digitalisierung unsere Zukunft massiv gestaltet reift gerade heran und die Weiterbildung macht sich auf den Weg, den Webkosmos als „Wissensraum“ zu verstehen. Was fehlt sind allein die Raumstationen und ausgebildete Lernastronauten. Im Webkosmos sind die Perspektiven verschoben. Dort gibt es nicht DIE Institutionen, die den potentiellen Kunden sagen, was sie zu lernen haben. Im Mittelpunkt stehen die Nutzer*innen. Es wird Content zum Abrufen bereitgestellt. Kuratieren, Relevanzfeststellung und Curriculum sind nicht mehr nur an pädagogische Arbeit geknüpft. Die User*innen brauchen erweiterte Kompetenzen, um sich dem geeigneten Content zu nähern. Technisches Wissen, Websuche, Relevanzprüfung und Kommunikation sind Einzelfähigkeiten, die mit der Fähigkeit Netzwerke aufzubauen und zu nutzen abgerundet werden. Jetzt nähern wir uns langsam dem dritten Ort.

Neben diesen neuen Kompetenzen, für User*innen und Mitarbeiter*innen aus der Weiterbildung, ist Glaubwürdigkeit der Bildungsmanager gefragt. Wer selbst das Mindset der Web-Bildungsgalaxie nicht beherrscht, ist als Scout wenig glaubhaft. Und so schaffen es bisher nur relativ wenige aus dem professionellen Feld der Weiterbildung, sich als Scouts zu profilieren. Neugierde und Risikobereitschaft braucht es dafür. Und es braucht Kooperation und Netzwerke, ein noch zu wenig eingeübtes Feld der selbstreferenziellen Bildungsarbeit in Institutionen.

Das Dilemma ist also: einerseits keine ausreichende Expertise in neuen Bildungssettings zu haben bzw. dafür keine geeigneten Räume bereitstellen zu können, aber andererseits weiterhin die Deutungshoheit über Lerninhalte und Formate zu behalten. Das kann nur schiefgehen!

Da kommt der dritte Ort als eines von vielen Lösungsmodellen ins Spiel.  Der dritte Ort bietet ideale Bedingungen, um sich als Institution in eine lernende Rolle zu begeben, ohne den Bildungsauftrag aus dem Blick zu lassen. Aber der Reihe nach. Was ist ein dritter Ort? Den Begriff hat Ray Oldenburg geprägt. Wikipedia fasst dessen Perspektive in einem Absatz zusammen: Oldenburg nennt seinen „ersten Platz“ das Zuhause und das, in dem man lebt. Der „zweite Platz“ ist der Arbeitsplatz – wo die Menschen tatsächlich die meiste Zeit verbringen können. Dritte Orte sind also „Anker“ des Gemeinschaftslebens und erleichtern und fördern eine breitere, kreativere Interaktion. Mit anderen Worten: „Der dritte Ort ist der Ort, an dem Sie sich in der Öffentlichkeit entspannen, wo Sie vertrauten Gesichtern begegnen und neue Bekanntschaften schließen“. (Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator)

Was braucht es, um dritte Orte zu kreieren und

warum sind dritte Orte eine Hilfe für uns Weiterbildner*innen?

Schauen wir uns die Kriterien darauf hin einmal an:

  • Dritte Orte benötigen gastgebende Personen/Träger.Die Betreiber sind nicht die „Bestimmer“. Sie stellen einen Raum zur Verfügung. Sie brauchen auch kein Programm anzubieten, um die potentiellen Besucher/innen zu unterhalten. Sie können zu Aktivitäten annimieren, aber letztendlich machen die Besucher*innen ihr eigenes Programm. Es ergeben sich Möglichkeiten des peer2peer-Lernens. Beispiel: ich interessiere mich für 3D-Druck und suche Akteure in meiner Umgebung für einen Austausch. Am schwarzen Brett und im Web nenne ich den Termin für ein Treffen. Ob es dann Interessenten gibt, wird sich zeigen. Die Bildungsmanager/innen können zuschauen, können lernen und evtl. darauf aufbauende Angebote entwickeln.
  • Dritte Orte stehen für alle offen zur VerfügungDas suchen nach geeigneten Zielgruppen wird minimiert, da der Raum als Anziehungspunkt selbst wirkt und die Besucher im eigenem Umfeld „Werbung“ machen. Egal wer kommt, es sind die Richtigen. Das Missionieren für Weiterbildungsangebote findet ein Ende. Wer letztendlich kommt orientiert sich am vorhandenen Standort und Ausstattung des Ortes.
  • Dritten Orten bieten Kommunikation Kommunikation als Dialog zwischen Menschen. Die Bildungsmager*innen brauchen lediglich die Infrastruktur bereitstellen. Ein gutes wlan, Ruhezonen, Eventflächen,eine geeignete Einrichtung für unterschiedliche Bedürfnisse. Das Raumdesign spielt dabei eine entscheidende Rolle. Orientierung schaffen und ein Willkommensgefühl erzeugen. Es braucht Wertschätzung für alle Besucher. Allein eine Sofagarnitur und eine Zimmerpalme in einen Raum zu stellen, das wird nicht reichen.
  • Dritte Orte sind dann zugänglich, wenn man sie benötigt.Angestellte Mitarbeiter*innen können diesen Anspruch kaum bewältigen. Damit verbunden ist der Zwang die Besucher/Innen selbst in die Rolle der Gastgeber zu integrieren. Neben automatisierten Tools ist ein ehrenamtliches Engagement nötig. Was nützen einem geschlossene Räume am Sonntag oder zu Weihnachten, nur weil das hauptamtliche Personal keinen Dienst hat.
  • Dritte Orte werden unregelmäßig, aber oft aufgesucht.Die Besucher/innen kommen, wann sie Lust und Zeit haben oder wenn etwas ansteht, was sie interessiert. Vormittags oder abends, mal 1 Stunde oder auch einige Stunden. Manchmal reicht es in einer schönen Atmosphäre Zeitung zu lesen, so wie es in Bibliotheken täglich geschieht. Keine Anmeldung oder Reservierungen.
  • Dritte Orte sind fußläufig zu erreichen oder mindestens in der Nähe.Die kommunale Nähe ist zwingend, wenn der Raum für alle offen sein soll. Als „zweites Zuhause“ braucht es die regionale Anbindung. Es braucht die Anbindung an den Alltag. Das gelingt dann, wenn die Besucher den Ort als Ihren Ort verstehen.
  • Dritte Orte sind in ihren Nutzungsmöglichkeiten offen.
    Zeitung oder Bücher zu lesen, Spiele zu spielen gehört dazu, wie auch digitale Arbeitsplätze- oder Lernprogramme. Schön wäre eine Bühne, damit die Menschen sich gegenseitig etwas zeigen könnten. Kleine Bühnen bieten auch kommunalen Initiativen eine Verortung. Ruhige Rückzugsorte und Kinderecken zu designen ist nicht einfach und deshalb wohl einer der größten Ansprüche an funktionierende Raumkonzepte. Flexibilität im Raumkonzept ist dabei Grundvoraussetzung.
  • Dritte Orte geben Anregungen und Unterhaltung.Es braucht Begleitung und Betreuung, nicht allein durch Bildungsmanager/innen, sondern auch durch andere Besucher/innen. Insofern ist zu Beginn sicher mit gezielten Anregungen zu arbeiten. Der Raum für Unvorhergesehenes sollte dabei von Anfang an vielfältig vorhanden sein. In der Begleitung der Aktivitäten liegt ein riesiges Potential, um die eigene Bildungsarbeit neu zu verorten. Mit dem Blick Menschen miteinander zu verbinden, wird ein regionales Netzwerk geschaffen. Die Betreiber können somit ein zentraler Knotenpunkt für regionale Entwicklung sein. Für unsere gesamte Bildungsarbeit entsteht eine neue zeitgemäße Plattform.
  • Dritte Orte sind kommerzfrei
    Wichtig ist, dass der Zugang nicht automatisch an einen Konsum gekoppelt wird. In kommerziellen Orten wie Cafe´s ist das Voraussetzung für einen Besuch. Im dritten Ort kann es als optionale Zusatzleitung geboten werden. Aber bitte nicht als Nutzungsvoraussetzung.
Die neu eröffnete Bibliothek in Köln Kalk wurde von Aat Vos gestaltet

Ein dritter Ort entsteht meist nicht singulär, es braucht dazu kommunale Kooperation. Bereits in der Vorplanung werden Anregungen und Zielsetzungen definiert. Die Einbeziehung kommunaler Stakeholder ist dabei von besonderer Bedeutung. Ausgehend von bestehenden Kontakten kann im Netzwerk ein grobes Konzept entstehen. Um daraus ein gelingendes Konzept zu formen, ist die Einbeziehung der Nutzer*innen Voraussetzung. In den Planungen zum Bildungshaus Norderstedt wird aktuell auf die Methode des Design Thinkings zurückgegriffen. Das beinhaltet bereits einen ersten Schritt, um Nutzer*innen einzubeziehen.

Ein Barcamp zu veranstalten, um die Wünsche und Ideen der Nutzer*innen kennenzulernen, wäre die nächste Stufe der kommunalen Beteiligung. Dort lassen sich wichtige Stakeholder identifizieren. Ob Einzelpersonen, Vereine, Unternehmen oder andere Akteure der Zivilgesellschaft. Mit ihnen kann die Feinplanung gemacht werden.

Neben den Raumanforderungen, braucht auch das Personal erweiterte Kompetenzen. Die Bibliotheken sind nicht durch Zufall erster Treiber dieser Konzepte. Deren Personal ist in Beratung und Begleitung von Besuchern geschult. Was neu hinzukommt, ist die Netzwerkarbeit vor Ort. Besucher miteinander in Kontakt zu bringen, Gruppenarbeit zu ermöglichen und eine Grundkompetenz in Sachen digitaler Unterstützung ist dabei hilfreich. Das wird traditionellen Einrichtungen der Weiterbildung schwer fallen. Sie besitzen meist keine offenen Räume. Ihre Räume werden für Gruppen aufgeschlossen und nach dem Angebot wieder abgesperrt. Das Organigramm dieser Weiterbildungseinrichtungen ist nicht auf ein offenes Angebot zugeschnitten. Weder in der Beschreibung der Arbeit, noch als Bestandteil der kommunalen Zielvereinbarungen.

Diese Entwicklungsphasen sind Teil eines eher rationalen Planungsprozesses. Damit es gelingt, braucht es Energie und Begeisterung der Beteiligten. Die Umsetzung hängt dabei oft an einer Person, die die Idee des Dritten Ortes umsetzen will und alles dafür tut. Das braucht Mut, denn ein dritter Ort ist „allways beta“, nie fertig, immer im Fluss der Veränderungen. Anfangen, ohne das Ende zu planen, ist keine leichte Übung. Ein Team, welches sich darauf einschwört, braucht auch interne Wertschätzung der nächst höheren Hierarchieebene. Am besten von ganz oben.

Dritte Orte sind sehr unterschiedlich. Damit sie angenommen werden, braucht es Zeit und Geld. Es müssen nicht unbedingt teure designte Orte sein, es kann auch improvisiert werden. Wir können klein beginnen und diese Orte weiterentwickeln. Unabdingbar ist die Authentizität der Betreiber und die Einsicht der Kommune, dass diese Orte in allen Lebensbereichen der Kommune hilfreich sein können. Argumente dazu gibt es viele: nicht nur die Vernetzung kommunaler Akteure, auch regionale Wirtschaftsförderung oder Optimierung kommunaler Handlungsfelder, bis hin zur Stärkung des Ehrenamtes. Vieles ist machbar, wenn sich die Kommune dieser Förderung mit Wertschätzung annimmt.

Weblinks


– Community:


www.dritte-orte.de

Dritte Orte auf Facebook

wb-web.de/material/lehren-lernen/dritte-orte-fur-die-erwachsenenbildung.html

– Raumdesign:

Aat Vos

https://aatvos.com

Elias Barrasch

https://sirkkafreigang.com/2017/06/11/designimlernraum-im-dialog-mit-elias-barrasch/

Politik

Ministerin Isabel Pfeiffer Poensgen – Pilotprojekt Dritte Orte – Landtag NRW 2018

– Beispiel:

Bibliothek Tøyen (Oslo, Norwegen)

– Projekt:


Bildungshaus Norderstedt

Entwurf Bildungshaus Norderstedt

Büro Richter/Musikowski, Berlin

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